Schreib-Werkstatt
Mein Buch über ‘Inquiry’ oder ‘Achtsamer Dialog im MBSR’ wächst - langsam, bewusst -
und du kannst dabei sein…
Und davon inspiriert entsteht ein mehrteiliges Programm zur Erforschung der eigenen Kommunikationsmuster
Ich schenke dir hier Einblicke ins Schreib- & Webinarprojekt.
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Es hat ne Weile gedauert, bis ich den Mut fand, mein Buchprojekt wieder hervorzunehmen. Es soll sich um die achtsame Dialogpraxis im MBSR drehen – um das sogenannte Inquiry, also jene Gesprächsform im Kurs, in der wir gemeinsam Erfahrungen aus der Meditation und dem Leben betrachten und erforschen.
Lange dachte ich, ich würde ein Buch über Inquiry schreiben. Beim Schreiben merke ich nun noch etwas anderes: Eigentlich schreibe ich über Zuhören.
Über die Art des Zuhörens, die im MBSR-Unterricht entsteht, wenn wir nicht sofort erklären, korrigieren oder interpretieren, sondern zuerst einmal anerkennen, was gerade da ist. Angenehme Erfahrungen, unangenehme Erfahrungen oder auch ganz unscheinbare Beobachtungen – sie alle sind gleichwertig im Feld der Achtsamkeit.
Während ich schreibe, überprüfe ich gleichzeitig meine eigene Praxis: Woran orientiere ich mich eigentlich, wenn ich im Kurs zuhöre und antworte?
Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass im Hintergrund hauptsächlich jene einfachen, aber tiefgehenden Gesetzmässigkeiten wirken, die in der buddhistischen Tradition als die vier edlen Wahrheiten beschrieben werden: das Erkennen von Leiden, das Verstehen seines Entstehens, die Möglichkeit von Befreiung und der Weg dorthin.
Diese Einsichten sind für mich weniger Theorie als eine Art Hörbrille geworden. Durch sie lausche ich den Rückmeldungen der Kursteilnehmenden – manchmal staunend, manchmal berührt, manchmal auch unsicher, wie der nächste Schritt im Gespräch aussehen könnte.
In dieser Schreib-Werkstatt möchte ich von Zeit zu Zeit Einblicke in diesen Prozess teilen: Gedanken, Fragen, vielleicht auch kleine Textausschnitte aus dem entstehenden Buch.
Denn Schreiben fühlt sich für mich ein wenig an wie Meditation: Ich weiss nie genau, was im nächsten Moment auftaucht – und ich bemühe mich, neugierig dabeizubleiben….
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Ich habe in den letzten Tagen den ersten MBSR-Kurstermin meines Buches bearbeitet. Und dabei etwas entdeckt, das ich so klar noch nie gesehen habe.
Ich dachte lange, Inquiry beginne dort, wo wir anfangen, Fragen zu stellen. Doch beim erneuten Hören einer Aufnahme wurde deutlich: Es beginnt viel früher.
In der ersten Stunde geschieht nämlich etwas sehr Entscheidendes – noch bevor wir überhaupt beginnen, Erfahrungen zu erforschen.
Menschen erzählen, weshalb sie da sind.
Sie sprechen vielleicht zum ersten Mal in einer Gruppe über das, was sie beschäftigt, belastet oder bewegt.Und sie beobachten – oft ganz still:
Werde ich unterbrochen? Wird mein Gesagtes eingeordnet oder verbessert? Oder darf es einfach stehen bleiben?Mir wurde bewusst, wie sehr diese erste Stunde den Boden bereitet. Wie ein Gärtner, der das Beet vorbereitet, bevor er sät.
Ich merke beim Schreiben, wie viel in diesem „Nicht-Tun“ liegt: nicht unterbrechen, nicht zusammenfassen, nicht interpretieren. Einfach zuhören.
Vielleicht beginnt genau dort das, was wir später Inquiry nennen. Nicht mit einer Frage. Sondern mit der Erfahrung, dass das, was da ist, gesagt werden darf.
Ich schreibe weiter – und merke, dass sich mein Buch immer mehr von der Frage entfernt, wie man gute Fragen stellt.
Und sich hinbewegt zu etwas anderem: Wie entsteht ein Raum, in dem Menschen beginnen, ihre Erfahrung überhaupt auszusprechen?
Vielleicht ist das der Anfang von allem.
Und beim Lesen taucht eine eigene Frage auf: Wo erlebe ich solche Räume?
Ich bleibe dran.
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Nicht die Erfahrung ist das Problem
Während ich am Kapitel über den zweiten Kurstermin schreibe, wird für mich nochmals deutlicher, wie zentral dieser Gedanke eigentlich für das Inquiry im MBSR ist: Nicht primär die Erfahrung selbst erzeugt Leiden, sondern die Art, wie wir mit ihr in Beziehung treten.
Natürlich gibt es Schmerz, Verlust, Krankheit oder Erschöpfung. Achtsamkeit will das Leben nicht schönreden. Und doch erleben wir im Kurs immer wieder, dass sich zwischen einer Erfahrung und unserem automatischen Umgang damit ein kleiner Raum öffnen kann. Ein Augenblick von Wahrnehmung. Von Gewahrsein. Von Wahlmöglichkeit.
Eine Teilnehmerin schilderte während des Bodyscans ein starkes Kribbeln in den Armen. Interessant war dabei nicht nur das Körpergefühl selbst, sondern der Moment, in dem sich ihre Beziehung dazu veränderte. Zuerst war da ein gewisses freundliches Dableiben möglich. Dann kam der Punkt, an dem innerlich Kampf entstand. Der Unterton der Beziehung wurde härter. Der Wunsch, das Unangenehme wegzubringen, übernahm.
Solche Augenblicke berühren etwas sehr Zentrales im Inquiry. Nicht weil unangenehme Erfahrungen wichtiger wären als angenehme. Sondern weil sich gerade dort besonders deutlich zeigt, wie der Geist reagiert: festhaltend, wegstossend, bewertend oder kontrollierend. Und weil dadurch sichtbar wird, wie schnell zusätzlicher Stress entstehen kann.
Im Inquiry interessiert mich deshalb weniger die Erfahrung an sich als die Beziehung dazu. Wie sprechen Menschen über das, was sie erleben? Wann wird etwas enger? Wann entsteht mehr Raum? Wann beginnt Kampf und wann zeigt sich vielleicht bereits ein wenig Freundlichkeit oder Gelassenheit?
Manchmal kommt mir meine Rolle im achtsamkeitsbasierte Dialog ein bisschen wie das ‘sprechende Gewahrsein’ vor. Das klingt etwas hochgegriffen. Doch ist es vielleicht nachvollziehbarer, wenn wir uns daran erinnern, was in den stillen Augenblicken der Praxis unsere Ausrichtung ist.
Während wir in der Meditation lernen, innere Prozesse still wahrzunehmen, versucht der achtsamkeitsbasierte Dialog diesen Erfahrungen Sprache zu geben. Wir beginnen zu hören, wie der Geist festhält, ausweicht, bewertet, kämpft oder weich wird. Wie Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen zusammenwirken. Und wie sich manchmal bereits durch das bewusste Wahrnehmen etwas verändert.Vielleicht kommen viele Menschen genau deshalb in einen MBSR-Kurs. Nicht weil unangenehme Erfahrungen verschwinden sollen, sondern weil der ständige Kampf mit dem Leben unglaublich erschöpfend sein kann.
Achtsamkeit bedeutet für mich deshalb nicht, alles aushalten zu müssen. Sondern wahrzunehmen, was gerade geschieht — im Körper, im Geist und im Herzen — und allmählich zu erkennen, wo Wahlmöglichkeiten entstehen.
Und genau dort kann ein etwas freundlicherer Umgang mit sich selbst beginnen.
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Ich bin nun beim Schreiben über den dritten Kurstermin. Dabei blieb ich länger bei einer Rückmeldung eines Teilnehmers hängen. Uri schilderte während der Sitzmeditation einen kurzen Augenblick von Einfachheit und Ruhe — und dann fast unmittelbar das Bedürfnis, weiterzusuchen. Nach etwas anderem. Nach mehr.
Diese Erfahrung berührte mich, weil sie etwas sichtbar macht, das ich aus meinem eigenen Leben nur zu gut kenne. Hier ein Ausschnitt aus dem entstehenden Buch:
…….Wir begegnen hier einem Thema, das aus meiner Sicht ganz wesentlich ist. Etwas, das viele Menschen im Alltag kaum bemerken und das gleichzeitig unglaublich viel Energie verbrauchen kann: dieses ständige innere Suchen nach einer anderen Erfahrung als derjenigen, die gerade da ist.
Ich meine damit nicht die natürliche Fähigkeit unseres Organismus, Lösungen zu finden oder auf Gefahren aufmerksam zu werden. Diese Fähigkeit ist überlebenswichtig und oft auch hilfreich. Und doch scheint in vielen von uns eine tief verankerte Annahme zu wirken: Wenn ich endlich das Richtige finde, erreiche oder erlebe, dann werde ich wirklich zufrieden sein. Vielleicht sogar dauerhaft.
Aus meiner eigenen Lebenserfahrung heraus zeigt sich jedoch immer wieder etwas anderes. Das Glück, das von äusseren Umständen abhängig ist, hält meist nur kurze Zeit an. Denn alles verändert sich fortwährend. Das Angenehme wie auch das Unangenehme. Genau das haben wir bereits beim Thema Veränderlichkeit berührt.
Wenn wir dies nicht wirklich verinnerlichen, beginnt oft erneut diese Suche: nach mehr Sicherheit, mehr Ablenkung, mehr Bestätigung, mehr Intensität oder einfach nach einem anderen Augenblick als diesem. Und dieses dauernde Ausschauhalten kann unglaublich erschöpfend sein.
Heute Morgen habe ich das selbst wieder erlebt. Noch bevor ich mich an den Computer setzte, war ich auf einem längeren Spaziergang unterwegs. Ich wollte zwei kleine Seen umrunden, die durch einen schmalen Feldweg miteinander verbunden sind. Kurz vor dem Ende der ersten Umrundung bemerkte ich plötzlich, dass ich innerlich kein klares Bild mehr davon hatte, wo dieser Übergang genau sein würde. Sofort entstand eine leichte Unruhe. Eine Verunsicherung. Der Gedanke, mich vielleicht geirrt zu haben.
Ich begann zu suchen. Schaute um mich. Lief etwas schneller. Mein Geist wurde enger und geschäftiger. Und dann — plötzlich — tauchte der kleine Feldweg etwa fünfzig Meter vor mir auf. Im gleichen Augenblick entspannte sich etwas in mir. Mein Körper wurde ruhiger. Ein kurzes Gefühl von Erleichterung stellte sich ein.
Mich berührte dabei weniger das Finden des Weges selbst als die unmittelbare Erfahrung dessen, was das Suchen zuvor in mir ausgelöst hatte. Diese innere Aktivierung, dieses subtile Getriebensein, diese Spannung. Und gleichzeitig das Loslassen, sobald nichts mehr gesucht werden musste.
Genau dieses bewusste Verweilen beim gegenwärtigen Erleben üben wir im MBSR. Nicht weil jeder Augenblick angenehm wäre oder weil wir plötzlich alles gut finden müssten. Sondern weil das ständige innere Wegwollen oder Ausschauhalten nach etwas anderem unseren Organismus oft in dauernder Alarmbereitschaft hält.
Die Augenblicke von Einfachheit und Entspannung, wie Uri sie beschrieben hat, sind deshalb nicht belanglos. Sie sind wesentlich für unsere psychische und körperliche Gesundheit. Denn auch unser Organismus lebt von einem natürlichen Rhythmus zwischen Aktivierung und Ruhe. Wenn wir jedoch ständig innerlich auf der Suche bleiben, kann sich dieses Gleichgewicht zunehmend verlieren.
Und genau deshalb berührt mich Uri’s Erfahrung so sehr. Sie zeigt etwas, das viele Menschen kennen: dieses Gefühl, dass die Einfachheit des Augenblicks fast zu wenig sein könnte. Dass da doch noch mehr kommen müsste. Und gleichzeitig vielleicht die leise Ahnung, dass gerade in diesem einfachen Verweilen etwas sehr Heilsames liegen könnte........